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Nehmen wir uns eigentlich viel zu wichtig?

Autorenbild: Marina Blind
Marina Blind
vor 4 Tagen
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Nebelige Hügellandschaft mit geschwungenem Weg, Herbstbäumen und Häuserdächern unter grauem Himmel.

Über die Erwartungen anderer, unsere eigene Lebensaufgabe und die Stille, in der wir uns selbst wieder begegnen.


Es ist ein regnerischer Herbstmorgen. Ich stehe mit meiner Tasse Kaffee da und schaue hinaus in die Natur. Über dem Wald steigt langsam der Nebel auf. Ein einzelner Rotmilan zieht seine Kreise am Himmel. Ich beobachte ihn eine Weile. Alles scheint seinem eigenen Rhythmus zu folgen.


Und plötzlich kommt mir ein Gedanke:

Nehmen wir Menschen uns eigentlich manchmal nicht viel zu wichtig?


Wir sind doch alle Teil dieses Kreislaufs des Lebens. Jeder mit seinem eigenen Platz, seiner eigenen Aufgabe. Und trotzdem verbringen wir so viel Zeit damit, etwas darstellen, erreichen oder beweisen zu wollen. Dabei frage ich mich, ob wir manchmal überhaupt noch wissen, wofür wir eigentlich hier sind.


Wessen Leben leben wir eigentlich?

Schon früh werden Vorstellungen an uns herangetragen, wie unser Leben einmal aussehen sollte.

Vielleicht wünschen sich unsere Eltern für uns einen bestimmten Beruf. Einen, der Sicherheit verspricht, mit dem wir gutes Geld verdienen oder gesellschaftlich angesehen sind. Meist steckt dahinter der Wunsch, dass es uns einmal gut gehen soll.

Und irgendwann entwickeln wir selbst Vorstellungen davon, was wir erreichen müssen, um erfolgreich oder wertvoll zu sein. Ein bestimmter Abschluss, eine berufliche Position, finanzielle Sicherheit, Anerkennung.

Doch was geschieht, wenn all diese Vorstellungen gar nicht dem entsprechen, was tief in uns angelegt ist? Wenn wir ein Leben führen, das nach aussen wunderbar aussieht, sich im Inneren aber nicht wirklich nach unserem eigenen anfühlt?


Was, wenn unsere Aufgabe eine ganz andere ist?

Ich glaube, dass jeder Mensch mit einer eigenen Aufgabe auf diese Welt kommt. Mit etwas, das tief in ihm angelegt ist. Für mich ist das eine Art Seelenbestimmung. Doch vielleicht erkennen wir diese Aufgabe nicht immer sofort. Manchmal führen uns erst Erfahrungen, Irrwege oder schmerzhafte Ereignisse näher zu dem, was uns wirklich entspricht. Und manchmal ist es vielleicht gerade das, was wir lange verdrängt haben, weil es nicht zu unseren Vorstellungen von einem erfolgreichen Leben passte.


Dabei frage ich mich: Woher kommen diese Vorstellungen eigentlich? Wir werden in eine Gesellschaft hineingeboren, in der bestimmte Lebenswege als besonders erstrebenswert gelten. Wir übernehmen Werte und Vorstellungen, die schon Generationen vor uns geprägt haben. Und nicht immer hinterfragen wir, ob sie für unser eigenes Leben überhaupt stimmen. Was einmal jemand als richtig erachtet hat, wird weitergegeben, übernommen und irgendwann zur Selbstverständlichkeit.

Aber macht es das deshalb für jeden Menschen richtig?


Vielleicht besteht unsere Lebensaufgabe darin, z. B. für andere Menschen da zu sein. Etwas mit den Händen zu erschaffen oder Wissen weiterzugeben. Sich um die Natur zu kümmern oder auf eine ganz stille Weise etwas zum Leben beizutragen.


Wer entscheidet eigentlich, welche dieser Aufgaben wichtiger ist?

Wenn ich die Natur betrachte, sehe ich kein Streben nach Anerkennung. Alles hat seine eigene Bedeutung im Zusammenspiel des Lebens. Jedes einzelne Bindeglied trägt auf seine Weise dazu bei, dass dieses Zusammenspiel funktioniert. Und wir Menschen sind ebenfalls ein Teil davon. Vielleicht könnten wir uns von der Natur etwas abschauen.


Manchmal braucht es Stille, um sich selbst zu hören

Ich glaube, dass viele Menschen tief in sich spüren, wenn etwas in ihrem Leben nicht mehr stimmig ist. Aber im Alltag überhören wir diese leise innere Stimme oft. Wir sind beschäftigt, funktionieren, erfüllen Erwartungen. Und selbst in den Momenten, in denen wir eigentlich Ruhe hätten, sind unsere Gedanken häufig schon wieder beim Nächsten. Wie sollen wir da wahrnehmen, was uns wirklich wichtig ist? Vielleicht brauchen wir manchmal einen Raum, in dem wir nichts leisten, niemandem gerecht werden und keine Erwartungen erfüllen müssen. Einen Raum, in dem wir einfach sein dürfen.


In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie Menschen angespannt und voller Gedanken ankommen und mit einer ganz anderen Ruhe wieder gehen. Manchmal verändert sich nur das Körpergefühl. Manchmal entsteht im Gespräch eine Frage oder eine Erkenntnis, die vorher keinen Platz hatte.

Ich kann niemandem sagen, welchen Weg er gehen soll. Aber ich kann einen Raum anbieten, in dem Menschen sich selbst wieder näherkommen dürfen. Und vielleicht beginnt genau dort etwas in Bewegung zu kommen. Nicht, weil wir noch mehr tun, sondern weil wir für einen Moment aufhören, ständig etwas tun zu müssen.


Dem eigenen Leben vertrauen

Ich schaue wieder hinaus zum Wald. Der Nebel hat sich ein wenig verändert. Der Rotmilan ist längst weitergezogen. Während ich hier mit meinem Kaffee stehe, geht das Leben seinen Weg. Ganz ohne mein Zutun. Und ich spüre diesen inneren Frieden, der entsteht, wenn ich mich als Teil davon wahrnehme. Vielleicht müssen wir gar nicht ständig versuchen, jemand Besonderes zu sein.


Vielleicht dürfen wir darauf vertrauen, dass unser eigener Weg seine Bedeutung hat, selbst wenn er ganz anders aussieht, als wir oder andere es uns einmal vorgestellt haben.

Und vielleicht beginnt die Annäherung an das, was uns wirklich entspricht, nicht mit der Frage, was wir noch alles erreichen müssen.


Sondern mit einer ganz anderen:

Wenn du einmal ganz still wirst – ist das Leben, das du führst, wirklich dein eigenes?

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